Das F-Rätsel

Normalerweise informiert NeuroNation Sie an dieser Stelle über die große und faszinierende Welt unseres Gehirns. Heute drehen wir die Reihenfolge einmal um und lassen Sie zunächst knobeln, bevor wir Ihnen Einblicke über die Tücken unseres Denkens geben.

Lösen Sie diesen Test in 10 Sekunden. Zählen Sie, wie oft der Buchstabe F in folgendem Satz vorkommt:

FINISHED FILES ARE THE RESULT OF YEARS OF SCIENTIFIC
STUDY COMBINED WITH THE EXPERIENCE OF YEARS



ZUR LÖSUNG


Wieso fällt uns diese einfache Aufgabe so schwer?

Die einfache Antwort lautet: Wir tendieren dazu Füllwörter zu überlesen.

Die ausführliche Antwort ist folgende: Unsere Umwelt ist unendlich komplex, sie zu vereinfachen ist eine grundlegende Voraussetzung, um ohne allzu großen Stress durch den Alltag zu kommen. Unser Gehirn vereinfacht, wo es nur geht.

Stellen Sie sich folgendes einfaches Beispiel vor: Sie sind auf einer Party und lernen eine Person kennen. Am nächsten Tag fragt Sie eine Freund, ob Sie die am Vorabend kennengelernte Person sympathisch fanden. Ohne lange nachzudenken antworten Sie, dass Sie die Person durchaus sympathisch fanden.

Kennenlernen


Doch wie genau ist Ihr Urteil in diesem Moment? Müssten wir nicht eigentlich eine lange Liste mit positiven und negativen Merkmalen einer Person durchgehen, um zu einem endgültigen Ergebnis zu kommen? Genau diese Frage bewegt Psychologen seit vielen Jahrzehnten.

Ist ein schnelles Urteil sinnvoll?

Psychologen nennen die Techniken mit denen wir zu einem schnellen Urteil gelangen Biases, oder auch Heuristiken.

Vereinfacht gesagt, lassen sich Psychologen, die auf diesem Gebiet forschen, in zwei Gruppen einteilen. Die eine Gruppe betrachtet diese Daumenregeln als Denkfehler, die unser Denken in einer derart komplexen Welt zu sehr vereinfacht. Die Konsequenz daraus ist, so die Annahme, dass wir zu häufig Fehlentscheidungen treffen, die unser Leben negativ beeinflussen.

Prominentester Vertreter dieses Standpunktes ist der Nobelpreisträger Daniel Kahneman (auch wenn er in den letzten Jahren seine Meinung relativiert hat).

Auf obiges Beispiel bezogen würden diese Vertreter argumentieren, dass Sympathie vermutlich dadurch zu erklären ist, dass die soeben kennengelernte Person entweder einem selbst oder einer einer sympathischen Person in zentralen Punkten ähnelt, woraus der Rückschluss gezogen wird, dass diese Person wohl sympathisch sein muss. Aus dem gleichen Grund, weswegen eine Person einem sympathisch ist, könnte eine andere Person einem unsympathisch sein. In diesem Fall spricht man von Vorurteilen, eine Grundlage von Diskriminierung.


Dem liegt die Annahme zugrunde, dass sich diese Heuristiken nur entwickelt haben, da sie im Großen und Ganzen sinnvoll sind und meistens zu guten Ergebnissen führen. In seinen Forschungen konnte Gerd Gigerenzer sogar zeigen, dass Heuristiken nicht nur zu zufriedenstellenden Ergebnissen führen und wegen der Zeitersparnis vernünftiges Verhalten darstellen, sondern dass das Anwenden von Heuristiken sogar zu objektiv korrekteren Ergebnissen führt.

Zeitersparnis


Obiges Beispiel würden diese Vertreter folgendermaßen erklären: Da es unmöglich ist, sich in der Kürze der Zeit ein umfassendes Bild über eine Person zu machen, ist es sinnvoll sich auf ein paar Merkmale zu konzentrieren und daraus ein Urteil zu fällen. Zwar könnte dies zu Fehlern führen, doch seien Daumenregeln die einzige Möglichkeit mit Menschen in Kontakt zu treten.

Welche bekannten Heuristiken gibt es?

Ankerheuristik:
Wenn wir den Preis eines Produktes oder die Anzahl von Menschen, die sich auf einem Fest befinden, schätzen müssen, sind wir oftmals überfordert. Um dieser Überforderung zu entkommen, klammern wir uns an faktisch sinnlose Zahlen. Konkret bedeutet dies, dass Zahlen, die in keinem Zusammenhang zu der zu schätzenden Größe stehen, als Referenz herangezogen werden. Wenn Sie beispielsweise die Zahl der Gäste auf einem Fest schätzen sollen und eine Person, die in der Nähe von Ihnen steht, sagt zufälligerweise die Zahl 50, so ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Sie die Zahl 50 als Anker verwenden und eine Zahl zur Antwort geben, die sich rund um die Zahl 50 bewegt.

Verfügbarkeitsheuristik:
Angenommen Sie leben in einem nordeuropäischen Land. Ihre Aufgabe besteht darin, zu schätzen, wie hoch der Anteil blonder Menschen auf der Welt ist. Nachdem Sie in einer Gegend leben, in der sehr viele blonde Menschen leben, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Sie den Anteil blonder Menschen auf der Welt massiv überschätzen. Der Name Verfügbarkeitsheuristik bezieht sich darauf, wie leicht Informationen abrufbar, beziehungsweise verfügbar sind. Umso leichter Informationen abrufbar sind, desto häufiger schätzen wir ihr Vorkommen ein.

Zeitersparnis


Repräsentivitätsheuristik:
Unter Repräsentativitätsheuristik verstehen Wissenschaftler die Vernachlässigung der Grundgesamtheit. Angenommen, um beim obigen Beispiel zu bleiben, Sie befinden sich in einer süddeutschen Stadt und sehen vor sich eine Familie, in der jedes Familienmitglied blonde Haare hat. Sie werden darum gebeten zu schätzen, woher diese Familie kommt. In diesem Moment ist es wahrscheinlich, dass Sie antworten, dass die Familie vermutlich aus Skandinavien kommt, schließlich leben dort sehr viele blonde Menschen. Falls Sie so antworten, begehen Sie einen Denkfehler, schließlich ignorieren Sie die Grundgesamtheit. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es sich in einer deutschen Stadt um eine deutsche Familie handelt sehr viel größer ist, als dass zufälligerweise eine skandinavische Familie vor Ihnen steht. Der Name Repräsentativitätsheuristik kommt daher, dass wir uns oftmals darauf beschränken festzustellen, wie sehr eine Person oder ein Gegenstand einen Stereotyp repräsentiert. Wenn wir die blonde Familie sehen, beschränken wir uns allzu oft darauf festzustellen, dass die Familie dem Stereotyp einer skandinavischen Familie entspricht und vergessen, dass die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, dass zufälligerweise eine skandinavische Familie vor einem steht.